Hamster im Kopf e. V.

AD(H)S und Hochbegabung - Geht das? 

Ja! Obwohl sich Hochbegabung und AD(H)S auf den ersten Blick auszuschließen scheinen, können sie auf den zweiten Blick eine recht komplizierte Allianz miteinander eingehen. Diese Kombination gilt es mit Hilfe von Experten zu entschlüsseln. 

Eltern sollten bei fundiert festgestellter Hochbegabung und zusätzlich diagnostizierter AD(H)S mit Therapeuten und Lehrern genau hinsehen und sich miteinander beraten, damit sich zuweilen rasend abwechselnde Über- und Unterforderung nicht zu einem Fiasko für das Kind auswachsen.

Normalerweise sind überdurchschnittlich intelligente Kinder (IQ >130) gut konzentriert arbeitende Kinder mit einer ihr eigenen leistungsstarken Struktur. Kommt nun aber eine ADHS mit oder ohne Hyperaktivität dazu, kann das hochbegabte Kind doppelten Leidensdruck empfinden, weil es keinen uneingeschränkten Zugriff auf seine Intelligenz hat und sich gegebenenfalls nicht erklären kann, wo es hakt.  

Eltern, deren Kinder erwiesenermaßen hochbegabt sind, fürchten eine permanente Unterforderung ihrer Kinder. Man nennt sie dann "underachiever", also Menschen, die unter ihren Möglichkeiten bleiben. Hier werden nicht selten Schule und einzelne Lehrkräfte verantwortlich gemacht. Das kann unter Umständen eine zu leichte (Schuld-)Zuschreibung sein. Warum?

Kinder,die hochbegabt sind und zusätzlich eine erwiesene ADHS haben, haben genau wie andere ADHS Kinder eine Reizfilterschwäche zu verbuchen und werden streckenweise in Schule und Elternhaus überfordert.

Dr. Helga Simchen erklärt das folgendermaßen und bezieht dabei bewusst hochbegabte ADHSler ein: 

„Diese angeborene Reizfilterschwäche ermöglicht aber auch, dass bei diesen Kindern sehr viel mehr Nervenzellen erhalten bleiben und ihr Netz an Leitungsbahnen viel diffuser verzweigt ist. Aber je besser aktuell unwichtige Informationen ausgeblendet, wichtige dagegen wiederholt vom Arbeitsgedächtnis ins Langzeitgedächtnis weitergeleitet werden, umso besser und schneller entwickeln sich die entsprechenden Leitungsbahnen. Aber gerade deren Ausbildung ist beim AD(H)S beeinträchtigt, die Betroffenen haben zu wenige „Autobahnen“, sondern ein viel zu verzweigtes Netz von zu vielen Nebenstraßen.“ 

(Quelle: http://www.adhs-deutschland.de/Home/ADHS/Schule/AD-H-S-und-Hochbegabung.aspx Stand 27. Okt. 2018)  

Ein gutes Konzentrationstraining und ein guter Unterricht begegnen diesem Wissen gezielt und nicht zufällig, indem sie mit den reizoffenen Kindern verästelte "Nebenstraßen" verlassen. 

Wichtige Informationen, die der hyperaktive oder träumende ADHS-ler - auch der mit einem hohen IQ -  häufig nicht weiterleitet, werden in sich wiederholenden Aufgabenstellungen (teils kleinschrittig) auf "Hauptstraßen" ins Langzeitgedächtnis transportiert. 

Weiter heißt es in oben zitiertem Artikel der Kinderfachärztin für Neurologie und Psychiatrie: 

„Durch diese fein verzweigten Bahnen erreichen die aufgenommenen Informationen nur unvollständig und verzögert das für sie zuständige Langzeitgedächtnis im Gehirn. Dieses weit verzweigte Netzwerk von Nervenbahnen ermöglicht aber auch das für AD(H)S typische kreative Denken und Handeln, als ein wichtiger Bestandteil der Intelligenz. Die gute Kreativität in Verbindung mit einem fördernden sozialen Umfeld und ihrer sehr guten Intelligenz ermöglichen den Betroffenen AD(H)S-bedingte Defizite mehr oder weniger lange zu kompensieren.“

Das heißt für Konzentrationstrainer und Lehrkräfte, dass hochbegabte Kinder nicht permanent ausgebremst werden, wenn sie in komplexen Aufgabenstellungen kreativ und lösungsorientiert handeln. Das heißt aber genauso konsequent um immer wiederkehrende Schritte in der Aufgabenerledigung zu bitten und eine reizarme Umgebung mit vielen Ritualen und Fixpunkten zu schaffen. 

Aufgaben sollten auf beide Arten und Weisen daherkommen, damit die Mischung Frustration vorbeugt und dem klugen Lerner sowohl Geschwindigkeit erlaubt, als auch Pausieren und Innehalten. 

So kann das hochbegabte Kind bei bestimmten Aufgaben losgaloppieren und mit seiner Fähigkeit, die Umgebung blitzschnell zu scannen, Erfolge einfahren. Auf der anderen Seite kann es aber auch lernen, sich zu zügeln, weil dies entweder die Aufgabe erfordert oder aber dem Lernziel dient, Nebensächliches auszublenden. Das hochbegabte Kind darf lernen: Konzentrieren können kann lustbetont erfolgen und geradezu befriedigend sein. Was Freude bringt, will wiederholt werden! So viel ist sicher!

Nicht zu vernachlässigen sind darüber hinaus soziale Kompetenzen, die dem Hochbegabten helfen, tragfähige Beziehungen zu Lehrpersonal und Mitschüler/innen aufzubauen. Man macht sich nicht immer beliebt, wenn man dauernd Erster, Schnellster und Ungeduldigster ist.

Die Einhaltung einer Kleinschrittigkeit trotz hoher Intelligenz deshalb, um unwichtige Aspekte, die der Reizfilterschwäche geschuldet sind, vorbeirasen zu lassen und sich durch Selbstinstruktion Leitungsbahnen zu schaffen, die später im Unterricht und bei der Erledigung von Hausaufgaben zur weiteren Verfügung stehen. 

Die Erschaffung von reizarmen Umgebungen deshalb, weil es dem Kind Ablenkungen erspart. 

Rituale und wiederkehrende Strukturen erlauben Stille im unruhigen Kopf und ermöglichen ein Ausbilden von "Hauptstraßen", die Helga Simchen als Alternative zu unbefriedigenden "Sackgassen" ausbilden lassen möchte, überhaupt erst. 

Pädagogen und Eltern, die klar und mit Handlungsplan Spannung, Spaß und gute Laune mit Ruhe und Gelassenheit in der Erledigung von komplexen Aufgaben paaren, werden zu verlässlichen Bezugspersonen von hochbegabten ADHS-lern.

In einer Welt, in der das ADHS- Kind häufig ohne Handlungsplan unterwegs ist, braucht es eben solche Bezugspersonen, die als beständige  Fixpunkte existieren und Hilfe, wann immer nötig. bereitstellen (Stremme 2018). 

Dies gilt selbstverständlich für ADHS-Kinder mit durchschnittlicher wie überdurchschnittlicher Intelligenz.

Eltern, die bei Hochbegabung eine ständige Unterforderung befürchten, gilt es deutlich zu machen, dass Kindern mit einer zusätzlichen Aufmerksamkeitsdefizitstörung bei ständiger Überforderung andere Risiken, vor allem im Bereich der sozialen und seelischen Entwicklung drohen (Piero Rossi 2000).